„Wir bespielen das gesamte Gebäude mit intuitiver Musik“

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Lieber Herr Stockhausen, was verbirgt sich hinter dem Begriff „intuitive Musik“?
Mein Vater Karlheinz Stockhausen hat diesen Begriff 1968 geprägt. Ich habe seinen Ansatz weiterentwickelt. Für mich ist intuitive Musik eine Steigerung von Improvisation. Während es bei der Improvisation meist einen bestimmten Rahmen gibt, eine Ästhetik, einen Stil, ein Thema oder einen Rhythmus, der die Basis für das gemeinsame Musizieren bildet, setzt die intuitive Musik anders an. Sie entsteht immer neu ganz im Hier und Jetzt, ohne vorherige Absprachen und ist somit die zeitgenössischste Form der Musik überhaupt. Der Musiker sollte nicht auf sein vertrautes Repertoire zurückgreifen, sondern in sich hineinspüren, und gleichzeitig auf die anderen Musikerinnen und Musiker hören, mit denen er gemeinsam die Musik entstehen lässt. Die intuitive Musik ist sicherlich eine der anspruchsvollsten Arten Musik zu machen. Sie verlangt den Musikerinnen und Musikern viel ab, wie instrumentales Können, Kenntnisse der Musik, Erfindergeist und die Fähigkeit zum empathischen Miteinander, gewährt ihnen aber auch die größtmögliche Freiheit.
Was erwartet die Gäste am 5. April in der Akademie?
Die Gäste werden kein gewöhnliches Konzert erleben, sondern ein wirkliches Fest mit sechs verschiedenen Programmpunkten. Mal steht ein großes Ensemble auf der Bühne, mal kleine Formationen. Erfahrene Künstlerinnen und Künstler wie Florian Weber, Annette Maye, Christian Thomé oder Christopher Dell sind dabei, aber auch der musikalische Nachwuchs mit einer jungen Gruppe aus Belgien.
Es wird eine außergewöhnliche Soundcollage geben, bei der wir das gesamte Akademiegebäude mit intuitiver Musik bespielen. Die Musikerinnen und Musiker werden sich im Abstand von etwa drei Metern u-förmig um den Mittelbau des Gebäudes herum in den Foyers aufstellen, und das Publikum kann sich dabei frei im Raum bewegen.
Ein weiteres Highlight ist die Zusammenarbeit mit meinem Bruder Simon Stockhausen. Das Publikum kann live miterleben, wie er die Klänge, die auf der Bühne entstehen, elektronisch bearbeitet und zudem visualisiert. Zum Schluss folgt noch eine spannende Kollektivimprovisation mit allen 25 Musikerinnen und Musikern, die bei diesem Fest der intuitiven Musik beteiligt sind.
Worauf freuen Sie sich persönlich bei dieser Veranstaltung am meisten?
Für mich ist das gesamte Fest ein großes Highlight. Alle Musiker sind besonders. Es ist eine einmalige Gelegenheit, die intuitive Musik an einem einzigen Tag so vielfältig präsentieren und interessierten Menschen zugänglich machen zu können. Und der Eintritt ist ja frei!
Die intuitive Musik ist noch nicht so bekannt wie der Jazz oder andere Genres, die es schon länger gibt. Aber sie ist eine Musik, die in die Zukunft weist und ein neues Bewusstsein ankündigt. Ich kann nur jedem empfehlen, dieses Hörerlebnis zu wagen. In meiner gesamten Laufbahn habe ich noch kein Konzert mit intuitiver Musik erlebt, bei dem die Leute hinterher nicht fasziniert und begeistert waren von dieser neuen Art des Musizierens.