Rückblick auf das Symposium „Einsamkeit“

Auf Initiative und im Beisein des nordrhein-westfälischen Ministerpräsidenten Hendrik Wüst und der NRW-Wissenschaftsministerin Ina Brandes betrachteten am Mittwochabend, 22. April 2026, in der Nordrhein-Westfälischen Akademie der Wissenschaften und der Künste Expertinnen und Experten das Thema „Einsamkeit“ aus unterschiedlichen wissenschaftlichen Perspektiven.


„Einsamkeit ist die neue soziale Frage unserer Zeit.“ Mit dieser Aussage betonte der nordrhein-westfälische Ministerpräsident Hendrik Wüst gleich zu Beginn der Veranstaltung, welche Bedeutung das Thema des Abends für unsere Gesellschaft hat. Der Ministerpräsident hatte den Anstoß für das Symposium geliefert, wie Akademie-Präsident Prof. Dr. med. Dr. h.c. Dr. h.c. Gerd Heusch in seinem Grußwort erklärte: „Sie haben mich gebeten, das wir als Akademie das Thema Einsamkeit aufgreifen, da es Ihnen am Herzen liegt.“ Eine Bitte, der die Akademie gerne nachkam.

Moderiert von Akademie-Mitglied Prof. Dr. med. Dr. Otmar Schober, Nuklearmediziner und katholischer Diakon, kamen im Rahmen des Symposiums Fachleute verschiedenster Disziplinen zu Wort.

Einsamkeit: Warum sie uns alle angeht

Prof. Dr. Maike Luhmann, Psychologin und Einsamkeitsforscherin an der Ruhr-Universität Bochum, stellte zu Beginn ihres Vortrags klar, was die Wissenschaft unter Einsamkeit versteht: „Ein negatives, schmerzhaftes Gefühl, das auftritt, wenn wir weniger Kontakte haben, als wir brauchen.“ Einsamkeit ist somit ein subjektives Empfinden, das laut Luhmann von verschiedenen Faktoren wie sozialem Ausschluss, körperlichen oder finanziellen Einschränkungen oder persönlichen Eigenschaften begünstigt wird. Die Expertin erklärte, dass dauerhafte Einsamkeit gravierende Folgen für den einzelnen, psychische und körperliche Erkrankungen, aber auch für die Gesellschaft insgesamt haben kann. Einsamkeit ist teuer. Für Deutschland gibt es zwar bislang keine Zahlen aber in den USA verursachen die ökonomischen Folgen von Einsamkeit jedes Jahr Kosten in Höhe von rund 154 Milliarden US-Dollar. Gleichzeitig gefährdet Einsamkeit unsere Demokratie. „Menschen, die einsam sind, haben oft ein geringes Vertrauen in Institutionen. Sie sind anfälliger für Verschwörungstheorien“, so die Wissenschaftlerin.

Einsamkeit – Ursache und Folge psychischer Erkrankungen

Was Einsamkeit mit der menschlichen Psyche macht, damit beschäftigte sich Akademie-Mitglied Prof. Dr. Norbert Scherbaum, wobei der Direktor der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie am LVR-Klinikum Essen hervorhob, dass Einsamkeit sowohl die Folge als auch die Ursache von psychischen Erkrankungen sein kann. Doch ganz gleich wie die beiden Phänomene miteinander korrelieren, „die Pflege der sozialen Beziehungen ist wichtig für unsere Gesundheit“, betonte der Psychiater und Suchtmediziner, der gleichzeitig auch deutlich machte, dass Einsamkeit zum Leben dazu gehört. Damit sie sich verstetigt und krank macht, müssen verschiedene ungünstige Faktoren wie die Genetik, frühkindliche Erlebnisse und die aktuelle Lebenssituation zusammenkommen.

Einsamkeit am Lebensbeginn

Dass sich nicht nur erwachsene Menschen nach zwischenmenschlicher Interaktion sehnen, erläuterte Akademie-Mitglied Prof. Dr. Käte Meyer-Drawe, Professorin für Allgemeine Pädagogik an der Ruhr-Universität Bochum. Die Wissenschaftlerin beschrieb das responsive Verhalten von Säuglingen, die bereits auf die Signale anderer Menschen, etwa auf die Mimik ihrer Mutter, reagieren. Wird ihnen diese Interaktion verweigert, entsteht beim Säugling Angst. Das Baby fühlt sich verlassen.

Einsamkeit im Kindesalter

Nach der Babyzeit folgte die Betrachtung des Kindes- und Jugendalters. Denn diese Altersgruppe war nicht nur in der Pandemie durch die Schul-und Vereinsschließungen besonders stark von Einsamkeit betroffen. „Auch im Jahr 2024 haben wir wieder einen Anstieg bei den Kindern und Jugendlichen beobachtet und das, obwohl die Pandemie vorbei ist“, erläuterte Prof. Dr. Beate Herpertz-Dahlmann, die ehemalige Direktorin der Klinik für Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie des Kindes- und Jugendalters am Universitätsklinikum der RWTH Aachen, den aktuellen Stand der Forschung. Problematisch sei diese Entwicklung auch, da die meisten psychischen Erkrankungen im Jugendalter beginnen. Diese Altersgruppe ist also besonders vulnerabel.

Einsamkeit und Demenz

Als letzter Redner nahm Prof. Dr. Frank Jessen, Direktor der Klinik und Poliklinik für Psychiatrie und Psychotherapie am Universitätsklinikum Köln, die älteren Menschen in unserer Gesellschaft in den Blick, von denen nicht wenige an Demenz erkranken. Auch hier gibt es eine Verbindung mit dem Gefühl der Einsamkeit. „Die sogenannte Framingham Studie zeigt, dass einsame Menschen ein deutlich erhöhtes Risiko für Demenz haben“, erklärte der Mediziner. Der Grund hierfür sei, dass Einsamkeit Stress verursache. „Wenn die Stressachse dauerhaft erhöht ist, folgen körperliche Reaktionen, beispielsweise Veränderungen im Gehirn“, so Jessen.

Genau wie viele seiner Vorredner betonte auch der Direktor der Klinik und Poliklinik für Psychiatrie und Psychotherapie am Universitätsklinikum Köln, dass soziale Interaktion zwingend Bestandteil eines ganzheitliches Gesundheitskonzeptes sein muss. Einig waren sich die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler auch darin, dass das Thema Einsamkeit auf der politischen Agenda angekommen ist. „In NRW passiert auf Landes- und kommunaler Ebene schon wahnsinnig viel“, fasste Maike Luhmann zusammen. Die Einsamkeitsforscherin verwies unter anderem auf die Online-Plattform „Einsamkeit NRW“, in der die Landesregierung Initiativen und Projekte sowie Angebote zum Mitmachen und Vernetzen vor Ort bündelt. Der Handlungsbedarf bleibt aber dennoch groß. Denn trotz vieler toller Ideen, erreichen die vorhandenen Angebote die Betroffenen laut den Expertinnen und Experten oft nicht. Diese Lücke zu schließen, scheint die schwierige Aufgabe zu sein, die wie es Ministerpräsident Hendrik Wüst zu Beginn des Symposiums formulierte, gemeinsam von Wissenschaft, Praxis und Politik bewältigt werden muss.

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