Dialekte in NRW heute. Wandel und Variation
Prof. Dr. Helmut Spiekermann, Universität Münster und Prof. Dr. Claudia Wich-Reif, Universität Bonn
Der deutschsprachige Raum ist auch heute noch, insbesondere im Süden, von arealer Variation geprägt. Dialekte spielen für die Wahrnehmung von Raum immer noch eine große Rolle. Sie gehören zu Festen wie Karneval/Fasching/Fastnacht, sie haben mittlerweile einen festen Platz in der Comedy-, Krimi- und Comicszene. Sie prägen unseren Alltag, indem wir Kartoffeln oder Grundbirnen kochen und beim Metzger, Schlachter oder Fleischer einkaufen. Wörter und Wendungen wie Hömma und Et kütt wie et kütt stehen für Regionen und Städte. Allerdings sprechen immer weniger Menschen Dialekt bzw. kennen dialektale Ausdrücke.
Rund 1.900 Erhebungen in Nordrhein-Westfalen, die im Rahmen des Akademieprojekts „Dialektatlas Mittleres Westdeutschland (DMW)“ durchgeführt wurden, dokumentieren, wie es heute um die Dialektkompetenz im Münsterland, im Ruhrgebiet, im Siegerland usw. bestellt ist. Mit den Sprachdaten von Personen in zwei Altersgruppen (älter als 70 und ca. 30 bis 45 Jahre) sowie durch den Vergleich mit älteren Atlasprojekten wie dem Ende des 19. Jahrhunderts begonnenen „Deutschen Sprachatlas“, dem sogenannten Wenkeratlas, können wir zeigen, wie sich Dialekte gewandelt haben. Wir können einschätzen, ob in der Eifel von älteren Menschen noch so gesprochen wird wie vor 100 Jahren und ob im Ruhrgebiet tatsächlich noch Dialekte im traditionellen Sinn gesprochen werden oder (standardnähere) Regiolekte. Die Daten belegen, dass es nicht nur im Süden, sondern auch im mittleren Westen noch viel sprachliche Variation gibt. Sie korreliert mit unterschiedlichen sozialen Faktoren, primär mit dem Raum, aber auch mit weiteren Faktoren wie Alter, Beruf und Geschlecht.
Prof. Dr. Helmut Spiekermann hat nach seiner Promotion an der Universität Osnabrück als wissenschaftlicher Mitarbeiter bzw. Assistent an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg gelehrt und geforscht. Nach der Habilitation und einer Professurvertretung in Freiburg war er ab 2010 Professor an der Universität Würzburg. 2012 folgte der Wechsel an die Universität Münster auf eine Professur für Sprachwissenschaft mit Schwerpunkt Niederdeutsch. Er ist Sprecher des Centrums für Niederdeutsch an der Universität Münster. Seine Forschungsschwerpunkte liegen in der Phonetik/Phonologie sowie in der Variationslinguistik, insbesondere in der Erforschung des Niederdeutschen.
Prof. Dr. Claudia Wich-Reif war nach ihrer Promotion als wissenschaftliche Mitarbeiterin bzw. Assistentin an der Universität Bamberg und der Freien Universität Berlin tätig, wo sie sich 2007 habilitierte. Nach mehreren Professurvertretungen an der Universität Paderborn erhielt sie 2008 einen Ruf an die Universität Bonn, wo sie den Lehrstuhl für Geschichte der deutschen Sprache und Sprachliche Variation innehat und Leiterin der Arbeitsstelle Rheinische Sprachforschung ist. Gastdozenturen führten sie u. a. an die Universität Warschau in Polen, die Seoul National University in Südkorea, die Staatliche Universität St. Petersburg in Russland und die Beijing Language and Culture University in China. Ihre Forschungsschwerpunkte liegen in der althochdeutschen Glossenforschung, der historischen Syntax und Textlinguistik sowie der Regionalsprachenforschung (mit Schwerpunkten in der Lexik und Syntax).