Von der Jahresausstellung zu einem neuen Format

Seit Ende 2025 ist Martin Germann im Dialog mit den Mitgliedern der NRW-Akademie zur Entwicklung eines neuen Formats. Während des Arbeitsprozesses haben sich der kuratorische Leiter und Nadine Oberste-Hetbleck als Sekretarin der Klasse der Künste darüber ausgetauscht, wie und warum es zu der Zusammenarbeit gekommen ist, wie sich die inhaltliche Setzung entwickelt hat und wie Kuratieren in einer Landesakademie, die keine klassische Ausstellungseinrichtung ist, gedacht werden kann?

 

Eine Frau und ein Mann unterhalten sich im Foyer der NRW-Akademie.

Foto: NRW-Akademie / Engel-Albustin 2026


NOH: Die Klasse der Künste ist eine von insgesamt vier Klassen der NRW-Akademie und gleichzeitig eines ihrer Alleinstellungsmerkmale im Vergleich mit allen anderen deutschen Landesakademien. Nur in der NRW-Akademie sind die Künste in ihren vielfältigen Disziplinen wie Architektur, Bildende und Darstellende Künste, Musik und Literatur sowie kunstbezogene Wissenschaften und Praxis innerhalb einer eigenen Klasse vertreten. Schon bald nach ihrer Gründung Jahr 2008 fanden ab 2011 in jährlichem Rhythmus Ausstellungen – sowohl Einzel- als auch Gruppenpräsentationen von Mitgliedern – statt. Tony Cragg und Mischa Kuball haben während ihrer Zeit als Sekretare (2022-2024) dann mit Steffen Siegel erstmals einen damals externen Kurator für die Ausstellung „Leap of Faith“ (2024) eingeladen, an der neben Akademiemitgliedern auch Künstlerinnen und Künstler von außerhalb beteiligt waren. Es bestand zudem seit einiger Zeit die Idee, verstärkt klassenübergreifend interdisziplinäre Ausstellungsprojekte in den Räumlichkeiten der NRW-Akademie zu veranstalten. Als Andreas Schmitten (stellvertretender Sekretar) und ich (Sekretarin) unser Amt in der Klasse K Anfang 2025 aufnahmen, haben wir diesen Wunsch der gesamten Klasse aufgegriffen. Mischa und Tony haben, mit Unterstützung von Claudia Parton, dann mit „überZeichnung“ eine Gruppenausstellung kuratiert, in der 3D-Prints, Abklatsche, digitale Visualisierungen oder Beispiele für KI-gestütztes Zeichnen aller Klassen enthalten waren. Dieser klassenübergreifende Austausch war sehr fruchtbar.

Andreas und ich haben dann überlegt, wie man das Format der Jahresausstellung noch weiterentwickeln kann. Wir wollten den Dialog zwischen den Disziplinen fortführen, gleichzeitig noch stärker das Gebäude (Karl-Arnold-Haus) von Hans Schwippert als besonderen Ort aktivieren. Die Akademie ist kein Museum oder klassische Ausstellungseinrichtung. Hier findet der Diskurs zwischen den Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern und Kunstschaffenden sowie mit der Öffentlichkeit statt.

Als Andreas und ich im letzten Jahr auf dich zugetreten sind, kanntest du zu diesem Zeitpunkt die NRW-Akademie und die Klasse der Künste? Wie hast du die Akademie und insbesondere die Klasse K von außen wahrgenommen?

MG: Nein, trotz dass ich gebürtiger Rheinländer bin und über die letzten Jahre in Köln gelebt habe, hörte ich nie von der Akademie. Sorry! Aber das Angebot für eine solche öffentliche Institution tätig zu werden hat mich intuitiv gereizt, und nachdem ich das Gebäude dann gesehen habe, war ich begeistert. Allerdings wollte ich etwas anderes machen, keine klassische Ausstellung, stattdessen eher ein neues Format, dass sich sowohl zeitlich als auch räumlich dem strengen Schwippert-Bau mit all seinen Funktionsräumen widmet, und weniger die Idee eines klassischen „White Cube“ anwendet. Denn davon haben wir ja genügend im Rheinland – solche „anderen“ Orte hingegen sind rar, beinahe Pretiosen! An den vielen schönen Reaktionen der Künstlerinnen und Künstler lässt sich ablesen, dass sie besonders gerne einmal etwas außerhalb der üblichen Rituale des Betriebs machen wollen.

NOH: Da in der Akademie der Austausch zwischen Gelehrtinnen und Gelehrten von großer Bedeutung ist, kam die Wissenschaftskommunikation und damit der forcierte Dialog mit den Öffentlichkeiten erst sukzessiv hinzu. Was hat dich gereizt, in den Austausch mit den verschiedenen Klassen zu treten? Zunächst haben wir ja mit einem klasseninternen Gespräch über verschiedene Möglichkeiten der Zusammenarbeit begonnen. Schließlich haben wir entschieden, dass du zwei Jahre die AWK kuratorisch begleiten wirst und in dieser Zeit insgesamt vier Zeitfenster für künstlerische Interventionen, Dialoge und Setzungen gestaltest. Wir sprechen gerne von Kapiteln, die aufeinander aufbauen. Warum?

MG: Kunst braucht Kontext – und mehr Kontext als an dieser Akademie kann man sich schwer vorstellen. Einerseits gibt es das faszinierende, sehr nüchterne, beinahe klassizistische denkmalgeschützte Nachkriegsgebäude mit all seinen funktionalen Orten für Diskurs, so wie man es sich räumlich in den 1960er Jahren vorgestellt hat – und dann natürlich die Klassenstruktur der Akademie, die eben aus Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern besteht, die in ihren Bereichen weltweit führend sind. Eine derart hochkarätige „kontextuelle“ Rahmung findet man kaum, auch der institutionelle Kunstbetrieb ist mehr und mehr auf Aufmerksamkeit und Geschwindigkeit anstelle von Reflexion und Tiefe angewiesen. Was diese vier Setzungen angeht, hier war die Idee Schritt für Schritt das Gebäude zu erschließen, vom Keller zum Dach, vom Park zur Straße, und dabei von einem klassischen Ausstellungsformat wegzugehen, und eher einen beinahe performativ aufeinander aufbauenden „Dialog mit dem Gebäude“ zu entwickeln. Die Idee von Kapiteln kam dann auch von der Idee, dass die Wissenschaften mitsamt ihrer „Wahrheiten“ oder „Wirklichkeiten“ einem beständigen Wandel von Perspektiven, Innovationen, und vor allem von Zeit unterworfen sind.

NOH: Und dann gab es zwei klassenübergreifende Brainstorming-Meetings via Zoom mit vielen sehr heterogenen Vorschlägen…

MG: Ja – vielleicht auch von der Situation in der Klasse der Künste ausgehend, in der zum Glück sehr diverse Vorstellungen von Kunst – von konservativ bis progressiv – vertreten sind, hat mich interessiert, inwiefern die Schlagworte „Hardware“ und „Software“ Vorschläge für zu integrierende Künstlerinnen und Künstler, aber eben auch Beiträge aus anderen Klassen stimulieren könnten. Obwohl wir alle Malerei, Skulptur, Installation, Musik, Film und Tanz lieben, kann sich ja niemand davon freisprechen in irgendeiner Weise mit „Code“ und mit Hardware zu arbeiten – dass der Bereich in dem er oder sie tätig ist in irgendeiner Weise mit digitaler Infrastruktur organisiert ist. Angesichts dessen, dass die Akademie nach dem Zweiten Weltkrieg aus einem stark dem Glauben an technologischen Fortschritt verwurzelten Ethos entstanden ist, schien mir dies ein wertvoller Fokus um auf „Produktion“ an sich zu schauen – von Wissen, von Wahrheit, von Evidenz, von Wert – von Kunst… Die Vorschläge waren tatsächlich heterogen, nicht alle, aber viele konnten jetzt integriert werden, vor allem aber boten sie ein großartiges Fundament für die folgenden Kapitel und die zukünftige Zusammenarbeit.

NOH: Wie verstehst du deine Rolle in diesem Projekt? Künstlerische Leitung oder Direktion trifft es vielleicht nicht zu 100 Prozent?

MG: Künstlerische Leitung trifft es schon, allerdings folgt die Idee weniger dem Wunsch, etwas auf die Akademie „drauf“ zu kuratieren, sondern eher etwas in kollaborativer Manier zu „heben“ was dort „noch“ nicht sichtbar ist – vielleicht ist es eine Art Hebammenfunktion. Meine Rolle ist also die eines Inkubators – und ich freue mich sehr diese in der Zukunft noch weiter in die Akademie hereinarbeiten zu können, um gemeinsam mit der Klasse der Künste und den anderen Klassen neue Zusammenhänge herstellen zu können.

NOH: Parallel zu deinem Start im Projekt haben wir als Klasse K ein Curatorial Fellowship initiiert, welches großzügig durch die Stiftung der Freunde und Förderer der NRW Akademie finanziert wird. Sophia Naumann ist die erste Fellow und arbeitet mit dir zusammen. Eine Menge Veränderungen und dementsprechend Perspektiven auf die Akademie und für die Klasse.

MG: Ja, das ist eine schöne Zusammenarbeit – Sophia Naumann, die vorher am Max-Ernst-Museum Brühl des LVR gearbeitet hat, ist neben ihrer Einbindung in die gar nicht so niederkomplexe Umsetzung im Rahmen eines denkmalgeschützten Hauses zudem Teil einer jüngeren Generation was extrem hilfreich ist und dem Projekt eine große Frische gibt!

NOH: Wie hat sich die inhaltliche Setzung entwickelt? Inwieweit gab es Unterschiede zu deiner bisherigen Arbeit in und mit Museen wie dem Mori Art Museum oder dem S.M.A.K. in Gent?

MG: Da die Akademie kein klassischer Kunstort ist, gibt es andere Freiheiten – wie aber auch andere Begrenzungen. Dialogische Projekte haben mich immer schon interessiert, eine meiner ersten Ausstellungen im S.M.A.K. in Gent in 2014 hat virtuelle Fotogramme von Thomas Ruff – übrigens auch ein Mitglied der Klasse Kunst der Akademie – gezeigt, die er in Zusammenarbeit mit dem Forschungszentrum Jülich und deren leistungsstarken Supercomputern erzeugt hat – nur diese konnten die unendlichen Datenmengen dieser Fotogramme in angemessener Zeit rechnen, oder vielmehr – entwickeln. Passend dazu scheint mir die Akademie auch ein Ort zu sein der sich neu entwickeln lässt, in die Welt hinein, in Zusammenarbeit mit Künstlerinnen und Künstlern wie mit Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, und deren Abwägen und Beharren auf Zeit – was heute wirklich ein Geschenk ist und den überall auftretenden Hysterien und Krisen ganz anders entgegenwirken kann, aus der Tiefe des wissenschaftlichen Raumes. Aber da du meine frühere Arbeit für Museen ansprichst – unser Projekt steht eher in Zusammenhang mit anderen „ortsresonanten“ Ausstellungen, wie etwa im letzten Herbst in der Metabolismus-Ikone „ICC“ in Kyoto, oder dem jüdischen Museum in Brüssel, das vor dem Abriss steht. Der gebaute und gelebte Raum, der uns umgibt, trägt eine Geschichte, und das ist für Künstlerinnen und Künstler, aber auch für mich besonders interessant.

NOH: Der Titel von Kapitel 1 lautet „Leben nach Microsoft“ und greift damit den Titel eines Films von Corinna Belz, ebenfalls Mitglied der Klasse K, auf. Wie kam es dazu?

MG: In einer unserer Diskussionen hat Corinna Belz spontan diesen 2001 entstandenen Film erwähnt, der 2001 eine Reihe von ehemaligen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von Microsoft portraitiert hat, die teils bereits in den 1970er Jahren begonnen haben, aber ausgestiegen sind. Ich fand sowohl den mehrfach lesbaren Titel „Leben nach Microsoft“ sehr reizvoll, aber eben auch dass Corinna ein Mitglied der Akademie ist – somit nehme ich einen wesentlichen inhaltlichen Anhaltspunkt für das erste Kapitel in zweierlei Hinsicht aus dem Bestand – oder dem „Vorhandenen“ in der Akademie. Da der Film eine Zeitachse ab den 1970er Jahren abbildet, habe ich mich in Auswahl der Künstlerinnen und Künstler auch am langen Atem orientiert, das heißt, es gibt viele historische Positionen zu sehen, was zum Charakter der Akademie passt, die ja eher an der Tiefe der Zeit interessiert ist als an der absoluten Aktualität.

NOH: Gleichzeitig sind es ja die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die zu den gegenwärtigen Herausforderungen forschen und neues Wissen generieren. Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft verschränken sich. Das schlägt sich auch in den von dir ausgewählten künstlerischen Positionen nieder. Willst du uns kurz zu einigen erläutern, warum sie gezeigt werden und wie jeweils der Bezug zur Akademie zu verstehen ist? Die Orte sind die Foyers, großer und kleiner Diskussionssaal.

MG: Rosemarie Trockel, ebenfalls Mitglied der Klasse der Künste, zeigt eine frühe Arbeit von 1995, „Beauty“ – dort sieht man Gesichter, die exakt in der Mitte gespielt wurde, eine Art „prä-AI“ sagt die Künstlerin – das absolut symmetrische Gesicht entspricht ja einer Vorstellung von Perfektion. Diese Werke stehen im Dialog mit Henrik Olesens Erforschung der Biografie zu Alan Turing, dessen abstraktes Rechenkonzept der Turingmaschine (1936) bis heute die Grundlage der Informatik bildet – aufgrund seiner Homosexualität wurde er jedoch wegen „grober Unzucht“ verurteilt. Auf der anderen Seite im Gebäude gibt es einen Generationendialog der eines der diesjährigen Akademie-Themen – Einsamkeit – spiegelt: eine VR-Arbeit von Rindon Johnson aus der Stoschek Collection trifft auf Objekte von Irma Hünerfauth aus den 1970er Jahren, deren Arbeit an der Schnittstelle von Fluxus und Technologiekritik steht! Der Kölner DIY-Künstler Mathias Groebel – von dem gerade ein Werk ans Art Institute Chicago verkauft wurde – und Karina Nimmerfall, für deren Präsentation wir mit dem Folkwang-Museum zusammenarbeiten, widmen sich je auf eigene forensische Manier der opakeren Geschichte von Forschung und Kybernetik, während Emmanuel van der Auwera anhand einer ergreifenden Videoinstallation zeigt, wie formbar Identität in seiner digitalen Verfügbarkeit geworden ist.
Ausgangspunkt für das Erdgeschoss war für mich jedoch immer der Fotograf Lewis Baltz, dessen Serie „Sites of Technology“ (1989-1991) insofern einen direkten Bezug zur Akademie herstellt, da sie ja auch ein solcher Ort ist. Dann haben wir das Glück eine brandneue wie mitreißende Videoarbeit von Yuyan Wang zeigen zu können, eine in Paris lebende chinesische Künstlerin, die auch in Venedig während der kommenden Biennale im Mai sehr prominent vertreten sein wird. Letztendlich fragen wir damit ob einer westlichen Idee von ‚Technologie‘ eigentlich Grenzen gesetzt sein könnten und ob es, frei nach Yuk Hui, andere „Kosmotechniken“ gibt. Nicht vergessen wollen wir aber auch das Gebäude selbst, auf das die legendäre Künstlerin Julia Scher aus Köln zwei Eulen gesetzt hat – und auch im großen Saal ist eine marmorne Eule vertreten, die die akademischen Aktivitäten über das Jahr begleiten wird.

NOH: Neben den künstlerischen Positionen in den repräsentativen Bereichen gibt es auch Arbeiten in der Bibliothek und im Florasaal. Was erwartet uns dort und warum?

MG: Ja, Tobias Hohn & Stanton Taylor, die lange in Düsseldorf gelebt und gearbeitet haben, transformieren die Bibliothek mit einer ortsspezifischen Installation, die sich der Geschichte der Akademie und damit verbundenen Verschiebungen in der Wissensproduktion und -archivierung widmet, währenddessen das Duo JODI aus den Niederlanden einige Web-Projekte aus den 1990er Jahren präsentiert – sie arbeiten mit „Code“, dem „Material“, mit dem wir alle heute sichtbar und unsichtbar arbeiten. All dies aber kulminiert in einem kleinen Werk von Verá Molnar aus dem Gründungsjahr der Akademie 1970 – schon früh hat sie mit binären Logiken von Software gearbeitet und stellt damit eine weitere historische Verankerung her.

NOH: Anknüpfungspunkt war und ist das Akademie-Jahresthema „Wahrheit“. Wie verortest du„Leben nach Microsoft“ hier?

MG: Es taucht mal sehr direkt, mal eher indirekt auf. Künstlerinnen und Künstler sind heutzutage oft nicht mehr in der Rolle Störfaktoren gegenüber einer geschmiert laufenden Administration zu sein, diese zu spiegeln oder zu unterbrechen wie noch vor 40 Jahren – vielmehr ist ihre Arbeit mehr und mehr als notwendiges Korrektiv zu einer Wirklichkeit zu verstehen, die, gerade ja auch in ihrer digital verfassten Form, immer inszenierter und vermeintlich undurchdringlicher wird. Später kommen wir noch einmal dazu, wenn es um Ursula Frohnes Vortrag geht. Aber die „Wahrheitssuche“, wie wir es immer wieder diskutiert haben, ist ein unendliches Projekt. Dabei spielt Technologie eine immer größere Rolle – gerade jetzt versuchen sich nicht nur Politikerinnen und Politiker aller Couleur sehr gerne mit diesem Begriff ‚Agency‘ zu verschaffen, was zeigt, wie multipolar die Welt geworden ist, in der wir leben. Was bedeutet das dann aber für Künstlerinnen und Künstler und deren Rolle, die ja längst nicht mehr im Rahmen einer einzigen gültigen Kunstgeschichte, der des Westens, arbeiten?

NOH: Hier knüpft auch das Programm mit insgesamt drei Punkten an, welches integraler Bestandteil des ersten Kapitels ist. In welchem Bezug steht es zu den künstlerischen Positionen und dem Projekt als Ganzes?

MG: Die Frage des Status des Archivs zieht sich durch zahlreiche künstlerische Positionen – und es ist wunderbar, dass du ein Symposium dazu konzipieren konntest, wo etwa Prof. Dr. Ursula Frohne, die, so wie Martina Dobbe, ganz aktiv in der Ausstellungskonzeption beteiligt war, einen Vortrag zu besonders produktiven Einsätzen von KI in der Kunst halten wird, die zur retrograden Erzeugung von Erinnerungskulturen marginalisierter Communities eingesetzt wird. Dann wird es ein Werkstattgespräch mit u.a. Aladin El Maafalani und Tobias Bleek geben, das auf das ganz basale Element der Bildung auch von Kindern und Jugendlichen zurückgeht, welches sich in einigen Werken findet, so etwa bei Emmanuel van der Auwera – Corinna Belz wird dies auch als Teil eines neuen Projektes filmen. Zuletzt gibt es eine hochkarätig besetzte Diskussionsrunde zum großen Thema „Big Tech“, was – auch den Ausstellungstitel betrachtend – natürlich eine grundsätzliche Frage aufwirft, inwiefern die Neuaufteilung der Welt unter gigantischen Konzernen aus der distanzierten Position einer Akademie betrachtet werden sollte, deren Zweck eigentlich auch in politischer Beratung besteht.

NOH: Genau, da eine große Bandbreite der wissenschaftlichen Exzellenz aus NRW in den Klassen versammelt ist, besteht für die Politik die Möglichkeit, sich aus einer unabhängigen Perspektive beraten zu lassen. Künstlerische Positionen bieten hierzu neue Ebenen der Erkenntnisgewinnung. Dies soll das neue Format auch sichtbar machen. Wie wird es deshalb weitergehen nach Kapitel 1?

MG: Im ersten Kapitel haben wir uns vor allem Fragen rund um den Einfluss von Software und soziologischen Fragestellungen gewidmet, die den konkreten Zeitrahmen der Akademie als Ausgangspunkt nehmen. In gewisser Hinsicht gab die Filmemacherin Corinna Belz mit ihrem Titel den entscheidenden Anstoß. Im zweiten Teil drehen wir die Perspektive um 180 Grad und widmen uns einerseits der „Hardware“ – aber vor allem der Frage der „Echtzeit“, mitsamt der unmittelbaren „Erfahrung“ der Architektur der Akademie. Jede Forschung, jede Evidenz, ist immer nur unter den Bedingungen der jeweiligen Zeit denkbar, insofern betrifft das alle Klassen gleichermaßen. Ein simpler architektonischer Eingriff von Prof. Dr. Johannes Schilling wird hier eine zentrale Rolle einnehmen, dazu sollen auch in Echtzeit operierende Kunstformen wie Performance und Musik mehr zur Geltung kommen und – wenn alles gut geht – dann haben wir bald neue Projekträume für die nächste Generation an Künstlerinnen und Künstlern. Denn die fehlen ja überall, und hier scheint es eine neue Möglichkeit zu geben die Akademie zu öffnen.

 

Zu den Personen:

Martin Germann ist Kurator und lebt und arbeitet in Berlin, Köln, und Kyoto. Seit 2026 ist er künstlerischer Leiter eines neuen Formates der Nordrhein-Westfälischen Akademie der Wissenschaften und der Künste. Auf ortsspezifische Ausstellungsprojekte spezialisiert, war er bis 2025 am Mori Art Museum (Tokio) tätig, wo er Projekten wie „Machine Love – Videospiele, KI und zeitgenössische Kunst“ (2025), „Our Ecology – Toward a Planetary Living“ (2023–24) und „Another Energy – 16 Women Artists from around the World“ (2021) umsetzen konnte. Zuvor war er Leiter der künstlerischen Abteilung am S.M.A.K. in Gent (2012–2019), Kurator an der Kestner Gesellschaft Hannover (2008–2012) und Teammitglied der 3. und 4. Ausgabe der Berlin Biennale für zeitgenössische Kunst.

apl. Prof. Dr. Nadine Oberste-Hetbleck ist seit Oktober 2020 Direktorin des ZADIK │ Zentralarchiv für deutsche und internationale Kunstmarktforschung und zudem außerplanmäßige Professorin am Kunsthistorischen Institut der Universität zu Köln. 2021 wurde die Kunstwissenschaftlerin Mitglied der Nordrhein-Westfälischen Akademie der Wissenschaften und der Künste in der Klasse der Künste. Ihre Tätigkeit als Sekretarin der Klasse nahm sie in der Nachfolge von Tony Cragg am 1. Januar 2025 auf.