Rückblick auf die Veranstaltung "Nachhaltigkeitsforum 2026" des Jungen Kollegs

Unter dem Titel „Unter Druck: (Rechts-)Extremismus als Bedrohung für die Freiheit von Forschung und Lehre“ wurde am Dienstagnachmittag, 29. September, in der Nordrhein-Westfälischen Akademie der Wissenschaften und der Künste über den Schutz der Wissenschaftsfreiheit und konkrete Lösungsansätze diskutiert.

Menschen sitzen in einem Vortragsraum an Tischen. Ein Mann steht hinter einem Rednerpult.

Foto: NRW-Akademie / Engel-Albustin 2026


„Kunst und Wissenschaft, Forschung und Lehre sind frei“ heißt es in Artikel 5 Absatz 3 des Grundgesetzes. Die Freiheit der Wissenschaft ist verfassungsrechtlich geschützt. Trotzdem machen sich die Mitglieder des Jungen Kollegs angesichts der jüngsten Wahlergebnisse aber auch der generellen Zunahme von extremistischen, insbesondere rechtsextremistischen Strömungen in unserer Gesellschaft Sorgen um dieses hohe Gut unseres Wissenschaftssystems und unserer Demokratie. Deshalb haben sie den Schutz der Wissenschaftsfreiheit zum Kernthema ihres diesjährigen gemeinsam mit der Nachhaltigkeitsinitiative der Universitäten Humboldtⁿ und der Landesrektorenkonferenz der Universitäten in NRW ausgerichteten Nachhaltigkeitsforums gemacht.

Dr. Fabian Schulz, Generalsekretär der Akademie, der die Teilnehmerinnen und Teilnehmer gemeinsam mit Prof. Dr. Birgitta Wolff, Rektorin der Bergischen Universität Wuppertal und Sprecherin von Humboldtⁿ, begrüßte, stellte zu Beginn des gut fünfstündigen Forums klar, dass es sich um keine „reine Bühnenveranstaltung“ handele. „Wir nehmen uns die Zeit für einen echten deep dive“, so der Generalsekretär zu Beginn der viereinhalbstündigen Veranstaltung.

Resilienz der individuellen Wissenschaftsfreiheit

Hierzu hatte das Junge Kolleg die Veranstaltung in zwei Themenblöcke unterteilt. In der ersten von Dr. Vanessa Höving, Mitglied des Jungen Kollegs, moderierten Diskussionsrunde ging es um die Resilienz der individuellen Wissenschaftsfreiheit. Nach einem Impulsvortrag von Prof. Dr. Klaus F. Gärditz, Inhaber des Lehrstuhls für Öffentliches Recht an der Universität Bonn, diskutierten Prof. Dr. Christina Brüning, Professorin für Didaktik der Geschichte an der Universität Marburg, Kristin Küter, Mitgründerin des Scicomm-Support, einer  nationalen Anlaufstelle für Forschende, die Opfer von Angriffen geworden sind, Dr. Lars Lott, Postdoktorand am Institut für Politische Wissenschaft der Universität Erlangen-Nürnberg und Projektkoordinator für den Academic Freedom Index (AFI), der die weltweite Wissenschaftsfreiheit misst, sowie Dr. Tim Wihl, Vertretungsprofessor für Öffentliches Recht und Grundlagen des Rechts an der Staatswissenschaftlichen Fakultät der Universität Erfurt, über die Frage, wie frei die einzelne Wissenschaftlerin oder der einzelne Wissenschaftler in seiner Forschung ist und wie diese Freiheit noch besser geschützt werden kann.

Dass die Wissenschaftsfreiheit weltweit unter Druck steht, belegt laut Lars Lott der Academic Freedom Index. „Mit der Autokratisierung von immer mehr Staaten geht ein Abbau der Wissenschaftsfreiheit einher“, so der Politikwissenschaftler, der zudem den empirischen Befund erläuterte, dass sich die Bestrebungen von radikal rechten Parteien besonders negativ auf die Wissenschaftsfreiheit auswirken. 

Christina Brüning, die mit ihren Forschungsschwerpunkten in den Bereichen Erinnerungskultur und Holocaust Education selbst schon Angriffen von rechts ausgesetzt war, betonte, dass diese Angriffe längst nicht immer von außen kämen und das Problem auch „nicht nur ein paar Studierende“ betreffe, sondern statusübergreifend alle Gruppen der Hochschulgemeinschaft. Gleichzeitig würden bei Bedrohungen zielführende Strukturen fehlen. Kristin Küter, die als Mitgründerin des Scicomm-Support viel mit den Opfern solcher Angriffe zu tun hat, sprach von einem „Kulturwandel“, der an den Hochschulen stattfinden müsse.

Resilienz der institutionellen Autonomie der Hochschulen

Für einen solchen Kulturwandel braucht es auch Veränderungen auf der institutionellen Ebene. Um diese ging es im zweiten Themenblock „Resilienz der institutionellen Autonomie der Hochschulen“, den Dr. Paula Rhein-Fischer, Mitglied des Jungen Kollegs, moderierte. In seinem Impulsvortrag präsentierte Prof. Dr. Stefan Stürmer ein Handlungskonzept für den Schutz der Wissenschaftsfreiheit. Der Rektor der FernUniversität Hagen hob hervor, dass Resilienz auf diesem Gebiet vor allem bedeute, dass sich die Hochschulen weiterentwickeln, klare Strukturen etablieren und insgesamt stärker miteinander kooperieren müssten.

Anschließend diskutierte Stefan Stürmer mit Prof. Dr. Viola Hartung-Beck, Professorin für Methoden der empirischen Sozialforschung an der Fachhochschule Dortmund, Dr. Sven Jürgensen, Akademischer Rat auf Zeit und Habilitand an der Juristischen Fakultät der Ruhr-Universität Bochum, Prof. Dr. Andreas Nitschke, Professor für Öffentliches Recht und Zivilrecht an der Fachhochschule für Verwaltung und Dienstleistung Altenholz, und Luna Mono. Die Doktorandin am Lehrstuhl für Öffentliches Recht und Geschlechterstudien der Humboldt-Universität zu Berlin, die in einem am 4. September 2026 im Verfassungsblog veröffentlichen Beitrag gemeinsam mit Friedrich Zillessen untersucht hat, wie weitreichend ein autoritär-populistischer beziehungsweise von der AfD gestellter Wissenschaftsminister die Wissenschaftsfreiheit in Sachsen-Anhalt beeinflussen und bedrohen könnte, erklärte: „Beispiele aus anderen Ländern zeigen, dass Autoritäre oft zuerst die Justiz und danach die Hochschulen angreifen.“ Denn wenn die zuständigen Richterinnen und Richter erst einmal auf Linie gebracht sind, können die Verteidiger der Wissenschaftsfreiheit von den Gerichten nicht mehr viel erwarten.

Einig waren sich die Panel-Teilnehmerinnen und -teilnehmer darüber, dass sowohl befristete Beschäftigungsverhältnisse als auch die Abhängigkeit von Sach- und Finanzmitteln, die Klaus F. Gärditz „als logische Konsequenz in einem demokratischen System bezeichnete“, die Hochschulen vulnerabel machten.

Gemeinsame Herausarbeitung konkreter Lösungsansätze

Doch was können wir gegen diese Vulnerabilität tun? Diese Frage sollte in einem abschließenden Policy Lab, das Anant Agarwala, stellvertretender Leiter im Bildungsressort der ZEIT, moderierte, beantwortet werden. Hier ging es um konkrete Lösungsvorschläge wie die Idee, sich die Hochschulordnungen schon jetzt vorzunehmen, sie zum Beispiel im Hinblick auf überbordende Blockademöglichkeiten  zu überprüfen und gegebenenfalls anzupassen. Oder auch den Vorschlag, Angriffe auf die Wissenschaftsfreiheit zu simulieren, um sich besser auf diese vorzubereiten und Strukturen zu verändern. Angeregt wurde auch die Überprüfung von Forschungsförderstrukturen sowie der Aufbau von Solidaritätsnetzwerken in aber auch außerhalb der eigenen Hochschule. Das Junge Kolleg will diese Ideen in einem Policy Paper zusammenfassen und so auch ganz konkret zu einem besseren Schutz der Wissenschaftsfreiheit beitragen. 

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