„Milieus und Migrationsgeschichte beeinflussen, was in der Religion als normal und unhinterfragt gilt“

Dr. Halil Emre Uçar gewinnt Karl Arnold-Preis für seine Dissertation zur Frage, wie sich Wahrheitsansprüche in religiösen Gemeinschaften herausbilden.

 

Zwei Männer stehen auf einer Bühne. Sie schütteln sich die Hände.

Dr. Halil Emre Uçar erhält den Karl-Arnold-Preis der Nordrhein-Westfälischen Akademie der Wissenschaften und der Künste von Akademiepräsident Prof. Dr. med. Dr. h.c. Dr. h. c. Gerd Heusch. Foto: NRW-Akademie / Engel-Albustin 2026


Der mit 10.000 Euro dotierte Karl Arnold-Preis der Nordrhein-Westfälischen Akademie der Wissenschaften und der Künste geht an den Sozialwissenschaftler Dr. Halil Emre Uçar vom Zentrum für Islamische Theologie an der Universität Münster. In seiner Dissertation „Moscheegemeinden in der postmigrantischen Gesellschaft. Eine rekonstruktive Studie zu Milieus, Kulturerbe und kollektiven Orientierungen“, die er an der Ruhr-Universität Bochum verfasst und mit „summa cum laude“ abgeschlossen hat, untersucht er am Beispiel von zwei Moscheegemeinden in Deutschland, wie sich Wahrheitsansprüche in religiösen Gemeinschaften herausbilden.

Im Rahmen seiner Dissertation hat Uçar Interviews mit Mitgliedern zweier unterschiedlich geprägter Moscheegemeinden geführt: Während sich die eine Gemeinde stärker an tradierten religiös-kulturellen Vorstellungen orientiert, die durch unmittelbare Migrationserfahrungen geprägt sind, und eher dazu neigt, bestehende Strukturen zu bewahren, Konflikte zu vermeiden und religiöse Praxis eng mit vertrauten kulturellen Formen zu verbinden, ist die andere Gemeinde stärker von einer postmigrantischen Perspektive geprägt. Sie geht offener mit Vielfalt um, diskutiert Unterschiede aktiv und versucht, neue Formen religiöser Praxis zu entwickeln.

Mitglieder von Moscheegemeinden handeln immer wieder neu aus, was als „wahr“ gilt

Die Ergebnisse von Uçars Arbeit zeigen, dass Moscheegemeinden keine starren Gebilde sind, in denen Tradition einfach fortgeführt wird. Die Mitglieder handeln Religion, Kultur, Zugehörigkeit und Wahrheitsansprüche innerhalb ihrer Moscheegemeinde immer wieder neu aus. Dabei spielen Erfahrungen von Migration, soziale Unterschiede, Sprache und lokale Bedingungen eine wichtige Rolle. „Das konnte man mit einer qualitativ rekonstruktiven Studie gut hervorholen und zeigen, dass die jeweiligen Milieus und Erfahrungsschichtungen, die durch eine bestimmte Migrationsgeschichte geprägt sind, das beeinflussen, was als normal oder unhinterfragt gilt“, erklärt Preisträger Uçar.

Die Arbeit hat die Jury in mehreren Punkten besonders überzeugt: Eine innovative sozialwissenschaftliche Fragestellung, ein sorgfältiges methodisches Vorgehen sowie eine hohe Alltagsrelevanz des Themas. „Es wäre ausgesprochen begrüßenswert, wenn die Erkenntnisse der Arbeit Eingang in schulische und unterrichtliche Diskurse fänden“, betont Professorin Dr. Andrea Stieldorf, Sekretarin der Klasse Geisteswissenschaften der Nordrhein-Westfälischen Akademie der Wissenschaften und der Künste und Vorsitzende der Jury. „Wahrheit wieder verstärkt als soziale Praxis zu begreifen, erfordert die Reflexion nicht nur der Aussagen und Positionen anderer, sondern auch der eigenen Aussagen und Positionen, und dies wiederum ist eine gute Grundlage für respektvollen Umgang miteinander in den Wissenschaften, in der Religion, in der Politik und im Alltag.“

„Diese Sphären haben wir uns als migrantische Nichtakademikerfamilie nie erträumt“

Für den Preisträger bedeutet die Auszeichnung mit dem diesjährigen Karl Arnold-Preis auch auf persönlicher Ebene sehr viel: „Der Gewinn dieses Preises hat für mich ein sehr hohes Gewicht, weil ich aus einer migrantischen Nichtakademikerfamilie komme. Da hat man sich so etwas gar nicht vorgestellt: Allein schon zu studieren, einen Abschluss zu machen, der erste Akademiker in der Familie zu sein, ist ein Riesenerfolg. Und das noch weiter zu treiben bis zur Dissertation, bis zur Auszeichnung der Dissertation – das sind Sphären und Dimensionen, die haben wir uns nie erträumt.“

Der Karl-Arnold-Preis ist mit 10.000 Euro dotiert. Das Preisgeld wird von der Stiftung der Freunde und Förderer der Nordrhein-Westfälischen Akademie der Wissenschaften und der Künste zur Verfügung gestellt. 2026 wurde der Preis zum Schwerpunktthema Wahrheit vergeben. Die Preisverleihung fand am 14. August 2026 im Rahmen der „Leo Brandt“-Veranstaltung in der Nordrhein-Westfälischen Akademie der Wissenschaften und der Künste in Düsseldorf statt.

Bildmaterial:

Foto (1): Dr. Halil Emre Uçar erhält den Karl-Arnold-Preis der Nordrhein-Westfälischen Akademie der Wissenschaften und der Künste von Akademiepräsident Prof. Dr. med. Dr. h.c. Dr. h. c. Gerd Heusch. Quelle: AWK – Bettina Engel-Albustin

Foto (2): Dr. Halil Emre Uçar vor der Preisverleihung im Garten der Nordrhein-Westfälischen Akademie der Wissenschaften und der Künste. Quelle: AWK – Bettina Engel-Albustin

Fotos (3) und (4): Der Preisträger Dr. Halil Emre Uçar in einer Moschee in Münster. Quelle: Uni MS - Johannes Wulff.

Alle Bilder zum Download unter: https://cloud.awknrw.de/s/9Nf5C45pJMasDrt

Der Abdruck der Fotos ist unter Angabe der Quelle und im Rahmen einer Berichterstattung kostenfrei möglich.

Filmmaterial:

Ein von der Universität Münster über den Preisträger erstellter Film ist abrufbar unter:  https://www.youtube.com/watch?v=pvQkNeVgkuI

Über die Akademie:

Die Nordrhein-Westfälische Akademie der Wissenschaften und der Künste bringt seit 1970 herausragende Persönlichkeiten aus Wissenschaft und Kunst zusammen. In vier Klassen fördert sie den interdisziplinären Austausch und den Dialog über aktuelle wissenschaftliche, gesellschaftliche und kulturelle Fragen. Über Veranstaltungen und Publikationen macht sie das Wissen und die künstlerischen Perspektiven ihrer Mitglieder für eine breite Öffentlichkeit zugänglich.
Zur Akademie: https://www.awk.nrw/akademie/portrait
Pressefotos: https://cloud.awknrw.de/s/DBEqbWqMcpY2QdS
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Über den Karl-Arnold-Preis

Die Nordrhein-Westfälische Akademie der Wissenschaften und der Künste zeichnet mit dem Karl-Arnold-Preis jedes Jahr eine herausragende Forschungsarbeit oder künstlerische Leistung von jungen Forschenden sowie Kunstschaffenden aus. Der Preis wurde nach dem Gründer der Akademie, Ministerpräsident Karl Arnold, benannt. Er wurde erstmals im Jahr 1990 vergeben. Der Karl-Arnold-Preis ist mit 10.000 Euro dotiert. Das Preisgeld wird von der Stiftung der Freunde und Förderer der Nordrhein-Westfälischen Akademie der Wissenschaften und der Künste zur Verfügung gestellt. Alle Mitglieder der Akademie, die Stipendiatinnen und Stipendiaten und die assoziierten Mitglieder des Jungen Kollegs sowie alle Universitäten Nordrhein-Westfalens sind vorschlagsberechtig. Selbstbewerbungen sind ausgeschlossen.

Pressekontakt:
Dr. Katja Fels
presse(at)awk.nrw.de
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