Die Christenverfolgung nach dem Brand Roms im Jahre 64 (Tacitus, Annales 15,44) – eine Fälschung?
Prof. Dr. Konrad Vössing, Universität Bonn
Wer kennt nicht die ‚Vignette‘ des der Brandstiftung beschuldigten Nero im Jahr 64, der die frühen Christen Roms zu Sündenböcken macht und ihre erste Verfolgung ins Werk setzt? Gegenstand des Vortrags ist nun die alte, in jüngster Zeit aber verstärkt Zulauf findende These, eine Christenverfolgung nach dem Brand Roms dieses Jahres, wie sie Tacitus (Annales 15,44) im frühen zweiten Jahrhundert beschreibt, habe es nie gegeben, sei es dass der Autor falsche Angaben machte, sei es dass der Text überhaupt eine spätere Fälschung ist. Man könnte dies für ein Spezialproblem halten. Die Affäre ist aber nicht nur für das allgemeine Bild von der Herrschaft Kaiser Neros sowie für die Geschichte des frühen Christentums relevant, Tacitus‘ in Frage stehender Bericht enthält auch die älteste explizite, nichtchristliche Bezeugung der Existenz und des Todes eines gewissen Christus, der in Judaea unter Pontius Pilatus hingerichtet wurde.
Dennoch soll es nicht nur um Quellenkritik gehen, sondern auch um die generelle Bestimmung der Verbindlichkeit historischer Richtig-Falsch-Aussagen. Anders als viele andere (auch Geistes-, auch Altertums-) Wissenschaften ist die Historie bekanntlich von einer eigentümlichen Unbestimmtheit ihres materiellen Gegenstands geprägt (jedenfalls wenn man ihn als abstrakte Entität, nicht als Weg konzipiert): die Vergangenheit ist ja vergangen und muss deshalb erst wieder rekonstruiert werden. Das hat Folgen für die Begründungs- und Aussagestrukturen. Von besonderer Bedeutung bei der Interpretation überlieferter Zeugnisse ist dabei der kontrollierte Gebrauch der sog. ‚Schlussfolgerung aus dem Schweigen‘ (anderer Quellen).
Deutlich werden soll in diesem Akademie-Vortrag nicht nur, dass unter den Bedingungen historischen Argumentierens durchaus Beweise und (im Fall der genannten Thesen) Gegenbeweise angetreten werden können, sondern auch, dass sie über die Fachgrenzen hinweg trotz aller Spezialisierung vermittelbar sind.
Prof. Dr. Konrad Vössing wurde 1959 in Berlin geboren. Nach einem Studium der Fächer Geschichte, Latein und Griechisch an der FU Berlin, legte er dort die Magisterprüfung und das erste Staatsexamen ab und wurde nach einer Assistentenzeit in Berlin, Aachen und Düsseldorf, 2001 im Fach Alte Geschichte habilitiert. Die Dissertation schrieb er über das Thema ‚Schule und Bildung im Nordafrika der römischen Kaiserzeit (1991), die Habilitation über: ‚Mensa Regia - das Bankett beim hellenistischen König und beim römischen Kaiser‘ (2004). 2005 erfolgten Rufe an die Universität Justus-Liebig-Universität Gießen und an die Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn, an der er bis 2026 einen Lehrstuhl für Alte Geschichte innehatte. Von 2010 bis 2025 leitete er von deutscher Seite aus das deutsch-französische Graduiertenkolleg ‚Masse und Integration in antiken Gesellschaften.‘ 2011 wurde mit dem Prix scientifique franco-allemand Gay-Lussac – Humboldt ausgezeichnet. Im Sommer 2013 war er Professeur Invité am Collège de France, Paris. Von 2019 – 2024 war er stellvertretender Sprecher des Bonner Exzellenzclusters ‚Beyond Slavery and Freedom: Asymmetrical Dependencies in Pre-Modern Socities‘. Seine Forschungsschwerpunkte sind die antike Kulturgeschichte (insbesondere das Bildungs- und Erziehungswesen, die Esskultur sowie Tracht und Habitus), die römische Herrscherrepräsentation, das antike Nordafrika und die Geschichte des römischen Reiches zur Zeit der Völkerwanderung.
Konrad Vössing ist seit 2012 ordentliches Mitglied der Nordrhein-Westfälischen Akademie der Wissenschaften und der Künste.